Antworten auf die Fragen des Lebens finden

Der Campus Letter als PDF

Ende Mai habe ich, in einem interdisziplinären Workshop für Master-Studierende an der FH Münster, die jungen Menschen dazu animiert über die Fragen des Lebens nachzudenken.

Wie bin ich an diese Aufgabe gekommen?
Als neues Mitglied im Verein der www.domfreunde.de habe ich von deren Engagement für das Herz Jesu Krankenhaus in Münster-Hiltrup (HJK) erfahren. Zudem bin ich verantwortlich für die Diözesangruppe Münster des Bundes Katholischer Unternehmer (www.bku.de) und da strebe ich nun einige Kooperationen zwischen den beiden Vereinen an. Die Domfreunde unterstützen ein innovatives Projekt am HJK: Die Erweiterung der Palliativstation von 6 auf 10 Plätze. Dadurch wird die Station deutlich komfortabler und den Menschen dort, mit ihren speziellen Bedürfnissen am Lebensende, gerechter. Aus diesem Grund habe ich spontan die Spende dieses Workshops zugesagt.

Was ist das Besondere an diesem Projekt?
Hervorzuheben ist, dass auf verschiedenen Wegen die finanziellen Mittel erweitert werden. Die Domfreunde z. B. spenden 25.000 EUR. Durch die Kooperation mit der Fachhochschule bringen sich Studierende aus den Bereichen Pflege, Architektur und BWL ein, um die verschiedenen Herausforderungen in diesem Zusammenhang zu erkennen und wichtige Fragen zu beantworten.

• Was braucht die Pflege, um gut arbeiten zu können?
• Wie können die Räume attraktiv und funktional gestaltet werden?
• Ist und bleibt das ganze finanzierbar?

Durch die Teilnahme der Studierende entsteht eine Win-Win-Situation: Die Studierenden erfahren Persönlichkeitsbildung und nehmen Anteil an Menschen und Schicksalen in der Gesellschaft, mit denen sie sonst auf diese Weise nicht in Verbindung stehen. Das HJK erhält Kompetenzen in einem Umfang, in dem es normalerweise nicht finanzierbar wäre.

Welche Fragen hatten die Studierenden?
„Wie kann ich helfen?“
Wie schön es doch ist, wenn dieser erste Impuls auch bei der 90er-Jahre Generation vorhanden ist. Helfen ist doch ein so wichtiger Grundwert für das Zusammenleben! Ich habe den Studierenden dann geraten, sich mal als erstes eine Hand auf den eigenen Bauch zu legen und für einen Moment nachzuspüren: „Wie geht es mir? Welche Energie und Ressourcen habe ich derzeit um zu helfen?“ Hier ist es nämlich wichtig, sich selbst sehr klar zu sein: Was ich bereit bin zu geben, was mir leicht fällt und was ich gern tue. Hieraus kann ich dann ein klares Profil entwickeln. Als zweites kann ich dann tatsächlich fragen: „Wie kann ich helfen?“ Dann bin ich auch bereit mit allem zu rechnen. Antwortet der Gefragte: „Hör mir einfach ein bisschen zu“ oder „Ich bin so oft hier bei meiner sterbenden Oma, könntest du mir etwas für zu Hause einkaufen?“ zeigt sich, dass von mir Zeitinvestitionen gefragt sind. Daraufhin kann ich mit mir selbst abklären, ob die Ressource „Zeit“ in meinem „Helfer-Portfolio“ vorhanden ist. So kann ich dann z. B. antworten: „Heute kann ich dir gern zuhören. Einkaufen gehe ich dann morgen für dich.“ Wichtig ist hierbei besonders: Nur wenn ich gern gebe und helfe, kann der Hilfsbedürftige auch mit gutem Gefühl annehmen. Das stärkt die Beziehung und der Hilfsbedürftige fragt auch gern wieder – ohne sich klein zu fühlen.

„Wie gehe ich mit der Angst am besten um?“
Da habe ich mal ganz provokativ gefragt: „Wessen Angst haben Sie denn gerade im Blick?“ Tatsächlich ist genau das eine entscheidende Frage. Immer wieder gibt es Sterbende, die erst dann in Frieden ihren Weg gehen wollen wenn sie merken, dass es ihren Angehörigen gut geht! Es ist vielleicht überraschend, aber wenn ich als Angehöriger ruhig und gelassen Begleitung anbieten kann, geht es wirklich um die Situation und Bedürfnisse des Sterbenden. Solange ich aber selbst voller Angst und Nöte stecke, bringe ich den Sterbenden von seinem inneren Weg ab.

Hier spielt also die gute Selbstfürsorge eine große Rolle: Nur wenn es mir gut geht, kann ich für andere gut da sein!

Dies gilt besonders auch für die Menschen, die mit Sterbenden in Kontakt treten: Zunächst muss ich mir selbst existentiell die Fragen über das Ende meines Lebens gestellt und beantwortet haben. Der Tod als Übergang in ein neues Leben darf mir nicht dunkel und gefahrvoll erscheinen.
Im Coaching sagen wir auch: „Das Gefühl des einen ist das Gefühl des anderen!“ Hier stehe ich in großer Verantwortung, mit mir selbst im Reinen zu sein. Denn nur das ist eine gute Basis, um wahrhaft helfen zu können!

„Bekommen die Angehörigen eigentlich nach dem Tod Unterstützung?“
Dies ist natürlich auch eine strukturelle – und eine Frage danach, wie unsere Gesellschaft das knappe Geld im Gesundheitswesen einsetzen will. Denn erst dann, wenn Gelder freigegeben sind, lassen sich Strukturen aufbauen. Die Palliativ- und Hospizarbeit hat ja diesbezüglich in den letzten Jahrzehnten schon einiges erreichen können. Zugleich kann ich natürlich auch auf der persönlichen Ebene schauen: „Was kann ich tun? Wo in meinem Umfeld gibt es Sterben als Prozess und Tod als endgültiges Faktum, mit dem Menschen lernen müssen umzugehen?“

Im Coaching sagen wir: „Kein Coaching ohne Auftrag“ – und damit auch nicht, ohne ausführlich gefragt zu haben. „Wie ist denn die aktuelle Situation? Wie geht es dir? Inwieweit kann ich dich in dieser Zeit unterstützen?“, sind in diesem Zusammenhang klassische, sogenannte „öffnende Fragen“. Diese werden öffnende Fragen genannt, weil sie den Kontakt und die Beziehung zum Angehörigen „öffnen“. „Einmal angenommen, wir sehen uns in 3 Monaten wieder und du fühlst dich schon viel viel besser: Was hast du in der Zwischenzeit erlebt?“ Dies wäre dann schon die höhere Kunst des Fragens: Eine zirkuläre Frage.
Nun könnte es sein, dass ein Angehöriger mit solchen Fragen konfrontiert eher überfordert ist und verstummt. Dann hilft es oft, mit konkreten Tipps und Alternativen weiter zu machen: „Soll ich mal mit einem leckeren Käsekuchen vom Wochenmarkt vorbeikommen?Dann zünden wir eine Kerze an und reden über deinen Opa. Er war ein toller Mann!“ „Du schau mal hier: Ich habe noch einen Gutschein für die Sauna/Massage/Kino – möchtest du den mal einlösen gehen? Ich schaffe es nicht bevor er abläuft.“
Besonders raffiniert: Hier nehme ich dem Anderen schon vorab das schlechte Gewissen. Denn er hilft ja mir, weil der Gutschein ansonsten verfallen würde.

Lieber Herr Classen,
nochmals herzlichen Dank für Ihren sehr beeindruckenden Workshop bei uns im Hause. Wir alle (und da möchte ich mich selbst nicht ausschließen) haben wichtige Erkenntnisse mit nach Hause genommen, die uns sicherlich alle noch länger beschäftigen werden.
Deshalb nochmals: Dankeschön!
– Prof Dr. Olaf Arlinghaus