Selbstcoaching in Coronazeiten: Campus-Letter Nr. 11

Der Campus-Letter Nr. 11 als PDF

Warten auf das Abstrichergebnis „Covid-19“

Die Ausbildung zum Pflege- und Sozialcoach habe ich in der Zeit der Corona-Pandemie gemacht. Ich möchte euch Auszüge aus meiner Abschlussarbeit für das Zertifikat vorstellen.

In der Ausbildung zum Pflege- und Sozialcoach sollten wir einen eigenen Coaching-Prozess gestalten und die angewendeten Coaching-Tools erklärend dokumentieren. Da ich im März unverhofft und plötzlich in Quarantäne kam, entschloss ich mich, die vielfältigen Tools und Messinstrumente auf mich selbst anzuwenden.

Beruflich bin ich als pflegerische Leitung in einem Krankenhaus in einer Funktionsabteilung mit drei Fachdisziplinen tätig. An einem Freitagmorgen kam der Chefarzt auf mich zu und teilte mir mit, dass ein Patient, mit dem ich Kontakt hatte, covid-positiv getestet wurde. Zu dieser Zeit bestand noch keine Pflicht für Patienten und Mitarbeiter, einen Mund-Nasen-Schutz zu tragen. Aus Sicherheitsgründen erfolgte bei mir und allen weiteren Mitarbeitern, die mit dem Patienten Kontakt hatten, ein Abstrich nach Covid-19-Vorgaben. Mein Arbeitstag war hiernach vorzeitig beendet; ich musste ein Symptombuch führen, Kontaktpersonen der letzten 14 Tage dokumen-tieren und war ab nun bis zum Testergebnis in häuslicher Quarantäne.

Die Covid-Erkrankung lässt – auch heute noch – viele Fragen offen. Aufgrund fehlender Erkenntnisse entstehen viele Unsicherheiten/Ungewissheiten, sodass die Erkrankung als Bedrohung empfunden wird. Ein Sprichwort lautet: „Nichts ist sicherer als die Unsicherheit und die Ungewissheit“. Wie wahr…

Sich in Ungewissheit zu befinden, weil man z.B. auf ein Abstrichergebnis wartet, ist ein emotionales Wechselspiel zwischen Bangen und Hoffen. 

So erging es auch mir: Es wurde mir sofort bewusst, dass hier meine persönliche, psychische Widerstandskraft (Resilienz) geprüft wurde.

Was heißt Resilienz?

Resilienz bedeutet, die Fähigkeit zu besitzen, nach einer Phase der Anspannung, nach Belastungen oder prägnanten Lebensereignissen wieder in seine positive Ausgangshaltung zurückzufinden. Resilienz hilft, nach einer Krankheit wieder Gesundheit zu erlangen, aus Traurigkeit wird wieder Fröhlichkeit, oder nach Stress kehrt der Körper wieder in die Erholungsphase zurück.

Um Resilienz zu erhalten ist es wichtig, Störungen in den verschiedenen Resilienz-Phasen zu erkennen und verborgene Ressourcen zu finden und zu nutzen.

Klarheit hierüber schafft ein Gleichgewicht, und ist der richtige Weg, die resiliente Haltung erfolgreich zu bewahren.

„Resilienz ist also eine wichtige Fähigkeit, aus Krisen sicher und unbeschadet wieder herauszufinden.“

Für mich stellten sich nun die Fragen:

  • Wie krisenkompetent gehe ich mit dem „Warten auf das Abstrichergebnis“ um?
  • Wie tolerant bin ich mit meinen Gedanken, Gefühlen, und Vorstellungen in dieser Ausnahmesituation?
  • Wo sind Störungen? Wo habe ich Ressourcen?

Die 8 Aspekte der Resilienz waren mir in dieser Situation sehr hilfreich:

  1. AKZEPTANZ (die unabänderliche Situation annehmen, die Einstellung dazu anpassen, eigene Möglichkeiten zur Einflussnahme fokussieren, realistisch bleiben…)
  1. OPTIMISMUS (mit Zuversicht in die Zukunft blicken, auf Fähigkeiten und Talente vertrauen, Glaube an einen positiven Ausgang, das Gute sehen und mitnehmen…)
  1. SELBSTVERANTWORTUNG (Ablegen der Opferrolle, Verantwortung für sich selbst und sein Verhalten übernehmen, eigene Ressourcen nutzen…)
  1. SELBSTREGULATION/SELBSTWIRK-SAMKEIT (gesundes Gleichgewicht zwischen Anspannung und Entspannung, Stimmungen in Balance halten, objektive Leistungsgrenzen akzeptieren, Rahmen-bedingungen realistisch einschätzen, achtsam mit sich selbst sein, Regenerationsphasen einhalten…)
  1. LÖSUNGSORIENTIERUNG (Aufmerksamkeit auf Lösungen richten, sich konstruktiv den Ängsten stellen, andere Handlungswege ausprobieren…)
  1. NETZWERKORIENTIERUNG (Hilfe von anderen annehmen, wertschätzende Beziehungen pflegen, vertrauenswürdige Beziehungen aufbauen, emotionale Stabilität durch Vertrauen, von toxischen Personen distanzieren…)  
  1. ZUKUNFTSGESTALTUNG (an eigene Visionen und Sinnhaftigkeit glauben, Ziele für das eigene Leben planen, Orientierung an den eigenen Werten, Hindernisse einkalkulieren und meistern…)
  2. LERNBEREITSCHAFT (unvorhergesehene Ereignisse annehmen, improvisieren, sich an neue Rahmenbedingungen anpassen, Denk- und Verhaltensmuster reflektieren…)

8 Aspekte der Resilienz:

1. Akzeptanz

2. Optimismus

3. Selbstverantwortung

4. Selbstregulation/Selbstwirksamkeit 

5. Lösungsorientierung

6. Netzwerkorientierung 

7. Zukunftsgestaltung

8. Lernbereitschaft

Mein Persönlichkeitstyp spiegelt die Grundform des Verstandesmenschen wider. Durch eine kurzfristige Hyperreflexion (übertriebenes, unbegründetes kreisendes Gedankenspiel) am 2. Tag mit gemischten, undefinierbaren Gefühlen kam mein Persönlichkeitstyp aus dem Gleichgewicht. Meine Gefühle machten mich selbst zum Objekt meiner Bewertung. Ich wollte nicht Opfer dieser Umstände sein!

Zwischen dem „Bangen und Hoffen“ während dieser drei Tage (bis zum Abstrichergebnis) wurde mir aber auch bewusst, dass sich der „Persönlichkeitstyp“ entscheidend auf den Umgang mit dieser Situation auswirkt. Der Verstandesmensch geht anders als der Gefühlsmensch oder der Willensmensch mit den Umständen seiner wahrgenommenen Situation um.

Zuversicht, Hoffnung, meine positive Grundeinstellung und der Glaube, dass ich behütet und von einer höheren Instanz gelenkt wurde, gaben mir wieder Halt und Stabilität. Durch Selbstreflexion und Selbstdistanzierung spürte ich eine Verbindung zu meiner Gläubigkeit, die Art Gottvertrauen, die mir Stärke und Halt vermittelte.  Auch wenn diese Phase nur einen kurzen Zeitabschnitt ausmachte, war der Eindruck doch tiefgreifend und hat mich noch lange Zeit begleitet.

Viele weitere Coaching-Tools konnte ich in meiner „Wartephase“ bis zum Testergebnis konstruktiv nutzen, z.B. den Gefühlsstern, oder die „drei ethischen Prinzipien zur Entscheidungsfindung“, und natürlich auch Achtsamkeitstraining.  

Die außergewöhnliche Situation der Covid-19-Pandemie, die jeden einzelnen persönlich treffen kann, sehe ich als große Herausforderung, aber auch als beste Möglichkeit für einen Coach, Unterstützung anzubieten.

Jede Coaching-Situation ist individuell und muss immer wieder neu betrachtet und in ihrem Zusammenhang gesehen werden.

Meine persönliche Erfahrung kann für viele ähnliche Situationen gelten:

Wie oft warten Menschen auf Testergebnisse? Sei es – wie zur Zeit – die Covid-Abstriche, aber auch Blutwerte, die eine Krankheit diagnostizieren, oder Testverfahren, die über eine Krebsdiagnose entscheiden.

Das Ungewisse, verbunden mit dem Warten, Hoffen und Bangen bringt Menschen oft an ihre emotionalen und seelischen Grenzen. Für einen Coach, als Wegbegleiter, bieten sich in dieser Situation viele Tools an, die zur Unterstützung angewendet werden können.

Mein Selbst-Coaching, und auch verschiedene situative Coaching-Momente, zeigten mir bisher, dass es für jede Lebenssituation alternative Lösungen gibt.

 

Viktor Frankl ist davon überzeugt, dass es für den Menschen auch in leidenden Lebenssituationen oder Krisen möglich ist, einen Sinn im Leben und auch einen Sinn im Leid zu sehen und Kraft daraus zu schöpfen. Ein Zitat von ihm:

„Wer um den Sinn seines Lebens weiß, dem hilft dieses Bewusstsein mehr als alles andere dazu, äußere Schwierigkeiten und innere Beschwerden zu überwinden.“

Meine persönlichen Momente in der Coronazeit lassen mich dankbar sein für die neuen Erfahrungen, Selbsterkenntnisse und Reflexionen, die ich erlebt habe.

Vielen Dank an das Team vom Coachingbüro!

Dorothea Stoer

ist pflegerische Leitung im Funktionsbereich Angiologie/Innere Medizin/Neuroradio-logie und hat im Juni 2020 unsere Ausbildung zum Pflege- und Sozialcoach abgeschlossen.

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